Wir müssen reden!

Dieser Artikel ist Teil der Blogparade „Weibliche Lust ab 40: sexy, wild & sinnlich! Oder etwa nicht?“ von https://lemondays.de/ .
Gela Löhr hat es sich zur Aufgabe gemacht, Frauen den Weg durch die Wechseljahre mit ganz viel Information angenehmer zu machen. Viele unterschiedliche Aspekte haben mich bereits schmunzeln oder innehalten lassen. Ich freue mich sehr, dass ich mit meinem Blogartikel meinen Blickwinkel als Paarberaterin und Frau „im Wechsel“ beitragen darf.

Auf der Lauer

Bei meiner besten Freundin begannen die Wechseljahre mit 37. Keiner wusste, warum, wieso und weshalb.
Sie schwitzte und wir lachten darüber.
Pullover aus, Pullover an, Pullover aus, Pullover an.

Innen drin ging es ihr dreckig damit. Sie wollte noch ein Kind mit ihrem Partner und nichts funktionierte mehr so, wie es sollte.
Sie fraßen sich gemeinsam Kummerspeck an, meine Freundin fühlte sich nicht mehr schön und schon gar nicht sexy oder begehrenswert für ihren Mann.

Der Start der Wechseljahre meiner Mutter war geprägt durch Stimmungsschwankungen, die so heftig waren, dass sie, die ihr Leben der Familie und dem Haushalt gewidmet hatte, nicht mehr wusste, wie sie morgens die schmutzige Wäsche in die Waschmaschine und abends die saubere Wäsche wieder in den Schrank bringen sollte.
Das Schlimmste war, dass ihre Hausärztin nicht erkannte, was sich da anbahnte und ihr Psychopharmaka verschrieb.
Das machte es nicht besser, sondern warf sie erstmal in ein seelisches Drama, das wir alle mit durchlebten.

Mein Bild der Wechseljahre war also völlig klar.
Entweder

  • werde ich fett und unattraktiv für meinen Mann
    oder
  • ich drehe völlig durch.

Tolle Aussichten.
Und so lag ich auf der Lauer.
Mit 42 fragte ich zum ersten Mal meinen Gynäkologen, wann es denn soweit wäre. Und wartete.
Auf den ersten Hitzeschwall.
Auf das Ausbleiben meiner Menstruation.
Auf Irgendwas.

Und noch etwas stand außer Frage:

Mit dem Start der Wechseljahre bist Du alt!

Eigentlich schon Ausschuss, denn Du bist als Frau zu nichts mehr zu gebrauchen: Bist nicht mehr attraktiv für deinen Mann, kannst keine Kinder mehr bekommen, bist ständig verschwitzt und hast wahrscheinlich auch noch ne Meise.

Eine andere Freundin,  Ärztin, meinte irgendwann zu mir, mit viel Sex verzögere man den Start der Wechseljahre.
Tolle Aussichten in einer Ehesituation, die kurz vor dem Aus stand und in der Sex zu einem Ding der Unmöglichkeit geworden war.

Heraklit sagte: „Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung.“

Wir hatten die Veränderungen beim anderen nicht  mitbekommen. Wir hatten nie gelernt, miteinander darüber zu reden. Und als wir anfingen, über sexuelle Fantasien und Wünsche zu sprechen, war das Bild über meinem Mann so in Stein gemeißelt, dass es unerhört war, was er da von mir wollte.

Das ist nicht der Mann, den ich mal kennen- und lieben gelernt hatte. Dieser Typ ist mir völlig fremd und ich finde einfach nur widerlich, was er da von mir verlangt.

Offenheit für Veränderung?
Überall gerne, aber nicht in unserer Beziehung und schon gar nicht beim Sex.
Lass‘ uns nach Australien auswandern, kein Problem.
Haus verkaufen und mit den Kindern irgendwo völlig neu anfangen, klar, sofort!
Aber Finger in den Po – No Way, du Schwein!

Alles verändert sich ständig! Aber unser Partner, unsere Beziehung und unser Sex müssen immer so bleiben, wie sie vor 20 Jahren mal angefangen haben?

Heute weiß ich:

Was für ein Bullshit! Das KANN nicht funktionieren.
Entweder Du lebst dein Leben oder es lebt eben dich. Mit all den Veränderungen und Wechseln, die es für dich bereithält.

Die sichere Verbindung als Schlüssel

Aber was braucht es, damit Veränderung möglich und sogar willkommen geheißen wird?

Sicherheit! – Eigentlich paradox.
Veränderung hat vermeintlich erstmal nichts mit Sicherheit zu tun. Denn sicher ist alles, was wir bereits kennen, der Status Quo quasi.
Veränderung bedeutet, sich aus der eigenen Komfortzone zu wagen, in ein Abenteuer zu springen, von dem man nicht weißt, wo es hinführt oder wie es ausgeht.
Und doch ist es die Sicherheit, die Veränderung überhaupt erst möglich macht.

Wir müssen uns sicher bei unserem Partner fühlen.
So sicher, dass es möglich wird, alles auszusprechen, was in unserem Kopf und unserem Herzen gerade so vor sich geht. Alles auszusprechen, was wir uns gerade selbst erzählen.
So sicher, dass wir uns trauen, uns verletzlich zu zeigen.
Das braucht Mut.
Uns sicher zu fühlen lässt uns mutig werden.
Als Kind waren wir auch mutig, als wir das erste Mal ohne Stützen Fahrrad gefahren sind. Wir dachten nicht darüber nach, dass wir hinfallen und uns die Knie aufschlagen könnten, weil Mama oder Papa da waren und uns die Sicherheit gaben, uns aufzufangen, falls wir hinfallen. Wir wollten Fahrrad fahren können! Punkt.

Und heute? Wenn wir in einer Beziehung sind, ist es unser Partner, mit dem wir die engste Verbindung haben, bei dem wir Sicherheit suchen. Was hält uns also davon ab, mutig zu sein? Was macht uns Angst? Worüber denken wir nach?
Darüber, dass unser Partner erschreckt sein könnte, wenn ich anfange, von den Veränderungen in mir zu erzählen?
Der hat mit Sicherheit auch schon mal von diesen Wechseljahren gehört, glaub‘ mir.
Und er hat genau so wenig Ahnung davon, wie das bei euch ablaufen wird, wie du.
Er hat genau so viel Angst, wie du sie vielleicht hast.
Seid gemeinsam mutig und redet miteinander!

Was sind die Wechseljahre denn?
Letztendlich nur eine Veränderung – ein Wechsel eben.

Wir müssen reden!

Lasst uns drüber reden. Es braucht etwas Übung, manchmal Hilfe und Anleitung von Außen. Aber es lohnt sich so sehr. Denn dann dürfen kleine und große Wunder geschehen.

Lasst uns die Sicherheit der Verbindung spüren, die es uns ermöglicht, uns zu öffnen.
Lasst uns in dieser Sicherheit öffnen und aussprechen, was in uns vorgeht, wovor wir Angst haben, welche Geschichte wir uns selbst erzählen und was wir uns wünschen.
Lasst uns offen zuhören.
Lasst uns in Verbindung gehen, mit unserem Partner, mit unseren Töchtern und Söhnen, mit uns Frauen, mit unserer tiefen Kraft zu unserer Urweiblichkeit.
Lasst uns uns erlauben, in dieser Urweiblichkeit alles sein zu dürfen, wunderschön und abgrundtief hässlich, still und leise, laut und wild, zurückhaltend und fordernd,

Mit 45, nach dem Ehe-Aus, mit drei Kindern in der Wohnung durfte sie dann Schritt für Schritt einkehren, die Sicherheit.
Zuerst bei mir selbst. Und dann in einer Partnerschaft, in der wir reden, immer wieder.
In der wir lernten, den anderen vorurteilsfrei mit allem anzuerkennen, was er mitgebracht hat, denkt und fühlt.

Heute, mit 51, weiß ich, was mir gut tut und was nicht.
Und mein Partner weiß das auch – alles.
Ich fühle mich absolut sicher und kann mich von dort aus rauswagen. Fahrradfahren ohne Stützen sozusagen.
In das Abenteuer neue Sexualität.
Sie hat sich verändert, und das ist völlig okay.
Mein Körper verändert sich manchmal von Tag zu Tag und das ist in Ordnung.
Weil wir darüber reden. Immer wieder.
Weil ich erzählen kann, dass ich nicht weiß, was mein Körper da gerade macht.
Darüber, dass ich nicht verstehe, was mein sich gerade verändernder Körper mir genau sagen will.
Darüber, ob der leise oder laute Sex den Weg bis zum Orgasmus dieses Mal schafft oder nicht. Und ob er ihn geschafft hat oder nicht.
Und auch darüber, ob das gerade wichtig ist oder nicht.
Und weil ich sicher weiß, dass all das auch einfach so sein darf.
Massagen, Augen verbinden, Stiefel im Bett oder Kuscheln, bis wir dabei selig einschlafen – alles ist möglich.

Wechsel bedeutet Freiheit

Das ist die Freiheit, die ich gewonnen habe, die wir gewonnen haben, weil wir uns trauen, dem anderen immer eine sichere Basis zu schenken.
Und für diese Freiheit hat es all die Jahre gebraucht, all die Veränderungen, all die Wechsel-Jahre.

Wenn wir, die Frauen Heute, den Wechsel begrüßen, der überall und ständig auf uns wartet, innen wie außen, können wir unseren Töchtern (und Söhnen)ein wertvolles Stück Freiheit mit auf den Weg geben.
Und vielleicht den Mut, mehr zu spüren, mehr wahrzunehmen, mehr hinzuhören und mehr auszusprechen.

Von Herzen, Andrea

P.S.: Dieser Artikel wird ab dem 23.11.2018 auch in unserem Podcast „Wir müssen reden – der Beziehungspodcast“ zu hören sein. Wenn Dich das Thema Beziehungen interessiert, dann hör‘ gerne mal rein.
Für iTunes-User hier: https://itunes.apple.com/de/podcast/id1360247810
Nicht iTunes-Benutzer finden den Podcast hier: https://www.stitcher.com/s?fid=225361&refid=stpr

Ein paar weitere Blickwinkel zum Thema gefällig?
Dann schau‘ doch mal bei Evelyn Schmitz und ihrem Blogartikel #08 Mehr Lust statt Frust! vorbei. Sie hat interessante Impulse dazu, wie ätherische Öle dein Wohlbefinden und/oder dein Lustempfinden in den Wechseljahren unterstützen können.

Spannend finde ich persönlich auch den Artikel von Anna Roth #15 Mars & Venus nach dem Wechsel – Natürlich bin ich schön. Hier hat auch die Astrologie etwas zum Thema zu sagen.

Alle bisherige Artikel der Blogparade findest Du hier: https://lemondays.de/wechseljahre/sexualitaet/

3 Kommentare
  • Sunita
    Gepostet um 06:37h, 22 November Antworten

    Klasse! Genauso.lg Sunita

    • Andrea & Dietmar
      Gepostet um 09:06h, 22 November Antworten

      Vielen Dank, liebe Sunita!

  • Nicole Morgenstern
    Gepostet um 09:17h, 22 November Antworten

    Ein wirklich sehr schöner Artikel. Authentisch und wahr, zudem noch gut geschrieben 🙂

    Liebe Grüße, nicole

Schreibe einen Kommentar